«Künstliche Intelligenz ist Statistik, nichts anderes» Admin_neu

Costas Bekas, 43-jährig (Bild), Leiter des Zürcher IBM-Labors für Simulation von Denkprozessen, ärgert sich im Interview mit der «SonntagsZeitung» vom 8. April 2018 über die vielen falschen Erwartungen an die Künstliche Intelligenz. Lesen Sie seine markantesten Aussagen über die Künstliche Intelligenz.

Sollte man die auf Künstlicher Intelligenz beruhenden selbstfahrenden Autos verbieten, weil davon bereits eine Passantin totgefahren worden ist?

Costas Bekas: Gehen wir zurück zur Erfindung des Flugzeuges oder zu derjenigen des Automobils. Auf persönlicher Ebene waren die ersten Toten nach einem Flugzeugabsturz schreckliche Ereignisse; genauso wie die ersten Toten nach einem Autounfall. Im Grossen und Ganzen geht es aber für uns darum, zu lernen, Technologien verantwortungsbewusst einzusetzen, vor allem die skalierbaren Technologien, mit denen Milliarden Menschen in Kontakt kommen.

Ist die derzeit beschleunigte technologische Entwicklung wirklich mit früheren Phasen zu vergleichen? Es macht für uns Menschen einen Unterschied, ob wir von einem anderen Autofahrer oder von einer autonomen Maschine angefahren werden.

Costas Bekas: Auch im Falle selbstfahrender Autos liegt die Verantwortung beim Menschen. In der Industrie haben wir schon seit den 1980er-Jahren Roboter. Alle, die mit ihnen arbeiten, wissen, dass sie sich nicht ihrer Nähe aufhalten sollten, weil das gefährlich ist. Wir Menschen sind seit über 70’000 Jahren abhängig von Technologie und den Werkzeugen, die wir bauen.

Ist Künstliche Intelligenz nicht mehr als nur ein Werkzeug? Wir haben Computer, die uns in Schach schlagen. Sie können sich sogar komplexe Spiele wie das japanische Go selber beibringen. Plötzlich sind unsere Werkzeuge klüger als wir Menschen.

Costas Bekas: Das ist keine plötzliche Entwicklung. Als 1997 ein IBM-Computer-System gegen den Schachweltmeister gewann, wusste ich, dass ich einmal für IBM arbeiten will. Um zu verstehen, wie ein Computer ein Schachgenie wie Garri Kasparow schlagen konnte. Aber auch Werkzeuge, die auf Künstlicher Intelligenz basieren, sind nur gut in einer Aufgabe, wie zum Beispiel Go spielen oder in der Analyse von Daten zu einem bestimmten Thema. Wir Menschen können aber viel, viel mehr als nur eine Aufgabe lösen.

Was genau ist eigentlich die Künstliche Intelligenz?

Costas Bekas: Statistik, nichts anderes. Dank immer schnelleren Computern können wir heute riesige Datenmengen interpretieren und Voraussagen machen. Oder anders erklärt: Wir füttern Maschinen mit Beispielen und trainieren sie damit. Allerdings brauchen Maschinen unglaubliche Datenmengen, bis sie etwas verstehen. Wenn ich meinen Kindern drei oder vier Bilder eines Elefanten zeige, können sie abstrahieren und verstehen auch, was gemeint ist, wenn ich ihnen einen Elefanten an einem Schlüsselanhänger präsentiere. Dasselbe einem Computer beizubringen, ist viel schwieriger. Und am Ende versteht der Computer nicht, was ein Elefant ist, sondern er berechnet nur eine Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei einer bestimmten Form um einen Elefanten handelt.

Was nützt die Künstliche Intelligenz beispielsweise den Ärzten für ihre Diagnosen?

Costas Bekas: Jedes Jahr werden über eine Million wissenschaftliche Studien veröffentlicht. Wer kann das lesen? Mithilfe Künstlicher Intelligenz werden Ärzte schneller viel genauere Diagnosen machen können. Ärzte wollen aber nicht mit Black Boxes arbeiten. Sie müssen eine Diagnose einer Maschine nachvollziehen können und gegebenenfalls eine andere Entscheidung treffen als die Maschine. Es ist wie ein MRI-Scan. Auch sie müssen von Ärzten interpretiert werden. In der Medizin gibt es in der Regel nicht die eine Diagnose, sondern verschiedene Möglichkeiten, Symptome zu behandeln. Ärzte nehmen dazu den Patienten als Ganzes wahr: Sie sprechen mit ihm, riechen, berühren und so weiter. All das gesamthaft kann die Maschine nicht. Im Grunde ist es doch so: Künstliche Intelligenz kann uns gar nie ersetzen, weil sie immer nur davon lernt, was wir der Maschine geben. Und am Ende ist es immer der Mensch, der eine Entscheidung trifft.

Sie glauben, der Mensch verliere mit der Künstlichen Intelligenz keine Verantwortung, sondern müsse sogar mehr übernehmen?

Costas Bekas: Genau. Diese Maschinen sind von uns Menschen für uns Menschen gebaut. Sie sind Werkzeuge.








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